Die Russen und ihre Naturheilmittel2018-03-28T10:21:24+00:00

Die Russen und ihre Naturheilmittel
Ein ganz besonderes Verhältnis

Je mehr wir uns mit dem Schungit beschäftigten, desto klarer wurde uns die ganz besondere Beziehung der Russen zu Naturheilmitteln und alternativen Behandlungsmethoden. Alternativen zur Schulmedizin finden auch in westlichen Ländern steigenden Zuspruch, dennoch gibt es in Russland einige auffallende Unterschiede:

1) Die jahrzehntelange Distanz zwischen russischer und westlicher Medizin: Sie hat es fürdie Menschen notwendig gemacht, alternative Heilmethoden zu suchen und großflächig anzuwenden. Auch 25 Jahre nach Fall des Kommunismus ist diese Praxis weit verbreitet.
2) Der immer noch sehr niedrige Lebensstandard großer Bevölkerungsteile: In Russland gibt es wenige sehr Reiche, aber sehr viele Arme (Beispiel Durchschnittsrente: ca. 100 EUR). Viele Menschen sind aus rein ökonomischen Gründen gezwungen, Alternativen zu teuren, meist importierten Medikamenten zu finden. Und diese finden sie oft in der Heilkraft der Natur.
3) Der deutliche Unterschied zwischen Russland und dem Westen in der medizinischen Forschung: Dieser Umstand hat uns besonders verblüfft. In einer globalisierten Welt mit bestens vernetzten Akademikern hätten wir nicht erwartet, solch deutlich unterschiedliche Forschungsschwerpunkte anzutreffen. Die Unterschiede gehen bei der Publikation weiter. Viele interessante Ergebnisse werden beispielsweise nicht auf Englisch, sondern nur auf Russisch oder Ukrainisch publiziert. Beim Schungit als „russischem“ Stein mag das noch verständlich sein. Doch auch auf anderen wichtigen Gebieten der alternativen Medizin kann man höhere Forschungsaktivitäten in Russland als im Westen erkennen. Wir erklären uns das einerseits durch finanzielle Gründe: Russische Akademiker verdienen sehr wenig. Hohe Personalkosten mit verbundenem Druck zu externer Forschungsfinanzierung durch die Industrie fallen daher weg. Andererseits herrscht im Westen ein Umfeld, wo Studien, die zu sehr von der Schulmedizin abweichen, für Wissenschaftler oft nicht karrierefördernd sind.

Birkenwald und Braunbär Die Birke gilt als der Nationalbaum Russlands. Der Braunbär ist das Nationaltier.

Die Birke – ein sehr vielseitiges Naturheilmittel

Die Birke (lat. betula, russ. berjosa) ist so typisch für Russland wie die russischen Puppen oder die Zwiebeltürme der Kirchen. Sie ist ein sehr genügsamer Baum, der schnell wächst und auch unter kargsten Bedingungen gedeiht. Die Russen verwerten alles von ihr: Das Holz zum Bauen und Heizen. Rinde, Blätter und Baumsaft hingegen dienen als weit verbreitetes Naturheilmittel.

1) Die Birkenrinde hat hervorragende wundheilende, bakterizide und antivirale Eigenschaften. Einer der vielen Inhaltsstoffe, das sog. Betulin (vom lat. Namen der Birke abgeleitet), gilt sogar als Hauptbestandteil für ein zugelassenes Medikament zur Heilung von Hautwunden.

2) Noch vielseitiger einsetzbar sind die Birkenblätter. Diese werden (frisch oder getrocknet) bevorzugt mit heißem Wasser aufgegossen und dann als Tee getrunken oder äußerlich für kosmetische Zwecke bzw. Haut- und Haarbehandlungen (gegen Haarausfall und Schuppen) eingesetzt. Birkentee wirkt diuretisch (entwässernd), sodass er bei Harnwegsinfekten und zur Vorbeugung von Harnsteinen eingesetzt wird. Die in den Blättern zahlreich enthaltenen sog. Flavonoide wirken entzündungshemmend, daher wird Birkentee sehr gerne gegen Rheuma angewandt. Auch bei Gicht wird er gerne getrunken.

3) Birkensaft ist der Baumsaft der Birke. Die fast klare Flüssigkeit gewinnt man, indem man im Frühjahr die Rinde einer Birke durchbohrt, danach ein Röhrchen in den Baum steckt und den Saft in ein Gefäß abtropfen lässt. Große Birken können bis zu 10 Liter am Tag über max. 2 Wochen hinweg abgeben. Den Saft trinkt man am besten frisch, er schmeckt leicht süßlich und ist reich an Mineralien, Vitaminen und Antioxidantien. Auch äußerlich wird er zu kosmetischen Zwecken und bei Entzündungen angewandt. Getrunken wird der Saft u.a. bei Harnwegsinfekten, Rheumatismus, Lungenkrankheiten, Unfruchtbarkeit und Vitaminmangel.

Ein Russe bohrt einen Birkenbaum an Gewinnung von Birkensaft. Schritt 1: Anbohren des Baums.

Abzapfen von Birkensaft aus dem Baum in Gefäße Schritt 2: Einstecken von Röhrchen und Abzapfen. Schritt 3: Trinken.

Zwei russische Frauen in Heilschlamm

Behandlungen mit Heilschlamm sind ein weiteres wichtiges russisches Naturheilverfahren. Heilschlamm ist besonders wirksam bei Haut- und Gelenkserkrankungen und wird sehr gerne in der Kosmetik (Gesichts- und Hautmasken) angewandt. Die Tradition der Heilschlammbäder hat der deutsche Arzt Christian Loder im 19. Jh. nach Russland gebracht. Er eröffnete damals in Moskau eine Reihe von Heilschlamm-Badeanstalten, die sich später in ganz Russland etablierten.

Szene aus russischem Seniorenheim

Zwei Damen in einem russischen Seniorenheim. Die Durchschnittsrente in Russland beträgt ca. 100 EUR (in Moskau gibt es aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten einen Aufschlag von ca. 50 EUR). Außer für die sehr kleine, reiche Oberschicht des Landes, sind teure Medikamente für viele nicht leistbar. Dies trifft besonders auf die alten Menschen des Landes zu, die von der staatlichen Rente leben müssen. Ein notwendiger Ausweg aus dieser Situation ist für viele Menschen die Anwendung von Naturheilmitteln, die in dem Land eine jahrhundertealte Tradition besitzt.

Medikamente und Rubel-Scheine

Herkömmliche Medikamente sind in Russland sehr teuer. Im Zuge des durch westliche Sanktionen und Ölpreisabsturz bedingten Rubel-Verfalls wurden importierte Medikamente zudem sprunghaft teurer. Naturheilmittel wie der Schungit nehmen daher für viele Menschen eine zentrale Rolle für die persönliche Gesundheit ein. Ein interessantes Phänomen ist aber auch in der oberen Mittelschicht und Oberschicht Russlands zu beobachten: Obwohl Geld in diesen Schichten kein Problem darstellt, besinnen sich auch dort viele auf die sehr lange Tradition der russischen Naturheilmittel und wenden diese immer häufiger an. Letzteres Phänomen entspricht auch dem bei uns im Westen beobachteten Verhalten, dass mit zunehmendem Reichtum einer Gesellschaft das Interesse an alternativen Heilmethoden nicht abnimmt, sondern sogar deutlich zunimmt.

Behandlung bei einer russischen Heilpraktikerin

Eine Behandlung bei einer russischen Heilpraktikerin

Birkenblätter

Birkenblätter sind in frischer oder getrockneter Form ein wichtiges Naturheilmittel und werden mit heißem Wasser aufgegossen bzw. als Tee getrunken.

Birkenblätter als Aufguß

Birkenblätter für die äußerliche, kosmetische Anwendung. Ein Extrakt aus Birkenblättern wird beispielsweise bei unreiner Haut oder bei Entzündungen auf die Haut aufgetragen.